Beachvolleyball hat sich seit seiner olympischen Premiere 1996 in Atlanta zu einer hochintensiven, athletisch extrem anspruchsvollen Sportart entwickelt. Tausende von Sprüngen im nachgiebigen Sand, explosive Richtungswechsel und kraftvolle Angriffsschläge verlangen den Athlet:innen körperlich alles ab. Doch welche physischen Voraussetzungen bringen Spielerinnen mit, die auf internationalen Turnieren und der World Tour um Medaillen kämpfen?

Eine wissenschaftliche Fallstudie eines brasilianischen Forschungsteams um Alexandre I. A. Medeiros, Karla de Jesus, Francisco O. Neto, Lucas Palermo und Geovani Messias da Silva von der Federal University of Ceará (Fortaleza), dem Human Performance Studies Laboratory (Manaus) sowie dem Profi-Club Praia Clube (Uberlândia) liefert seltene und wertvolle Einblicke in die Leistungsdiagnostik von drei brasilianischen Spitzenspielerinnen während ihrer Saisonvorbereitung auf die Weltserie.

Das Experiment: Umfassende Diagnostik bei Weltklasse-Athletinnen

Ziel der Untersuchung war es, anthropometrische Daten, die Körperzusammensetzung, die isometrische Maximalkraft von Ober- und Unterkörper sowie die Explosivkraft bei vertikalen Sprüngen präzise zu erfassen. Wie die Forscher:innen einleitend betonen, ist die systematische Leistungsdiagnostik im Spitzensport unverzichtbar:

„Anthropometrics and body composition assessment plays an important role in monitoring athletes’ nutritional status and the effects of training.“ (Medeiros et al., 2022, S. 447).

(Die Erfassung von Anthropometrie und Körperzusammensetzung spielt eine wichtige Rolle bei der Überwachung des Ernährungszustands und der Trainingseffekte von Athlet:innen).

Das Untersuchungssample bestand aus drei herausragenden Athletinnen: Zwei von ihnen waren amtierende U21-Weltmeisterinnen (24 und 25 Jahre alt, 8 bzw. 9 Jahre Trainingserfahrung), die dritte eine Südamerikameisterin (27 Jahre alt, 9 Jahre Trainingserfahrung). Das Forschungsteam unterzog die Spielerinnen vor der Saison folgenden standardisierten Tests:

  1. Körperzusammensetzung & Anthropometrie: Ermittlung von Körpergröße, Körpermasse, Fettfreier Masse (FFM – dem gesamten Körpergewicht abzüglich des Fettes, also Muskeln, Knochen, Organe und Wasser) und Körperfettanteil mittels Bioimpedanzanalyse (InBody 230) und Stadiometer.
  2. Isometrische Maximalkraft: Messung der maximalen Kraftentfaltung über Kraftmessdosen an der Smith-Maschine (einem Kraftgerät mit vertikal in Führungsschienen gelagerter Langhantel) bei 90°-Kniebeuge (Squat), Bankdrücken (Supine) und vorgebeugtem Rudern (Rowing).
  3. Power-Test: Ermittlung der maximalen Leistung (Peak Power in Watt) bei 40% der individuellen isometrischen Maximalkraft.
  4. Vertikalsprünge: Messung von Flugzeit, Sprunghöhe und erzeugter Leistung mittels Kontaktmatte (ErgoJump® Pro 2.0). Hierbei wurden zwei zentrale Sprungtests unterschieden:
    • Squat Jump (SQJ): Ein Sprung aus einer ruhenden tiefen Position (90°-Kniewinkel) ohne Ausholbewegung nach unten. Der SQJ testet die reine, konzentrische Explosivkraft der Beine ohne Nutzung gespeicherter elastischer Energie.
    • Countermovement Jump (CMJ): Ein Sprung aus dem Stand mit einer zügigen Ausholbewegung nach unten direkt vor dem Abdruck. Er nutzt den sogenannten Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus (DVZ) sowie die Elastizität von Muskeln und Sehnen, um eine höhere Sprunghöhe zu erzielen.

Die 4 wichtigsten Zahlen aus der Studie

Die erhobenen Medianwerte der drei Elite-Athletinnen liefern konkrete Anhaltspunkte dafür, welche physische Basis im internationalen Spitzensport vorhanden ist:

  1. 180,0 cm Körpergröße bei 17,90% Körperfett: Im Median wiesen die Athletinnen eine Körpergröße von 180,0 cm und ein Körpergewicht von 76,1 kg auf. Die fettfreie Masse lag bei hohen 58,4 kg, während der Körperfettanteil bei durchschnittlich 17,90% lag (Range: 13,0% bis 24,2%).
  2. 2,08 N/kg Kniebeugen-Maximalkraft: In der isometrischen Kniebeuge bei einem Kniewinkel von 90° erreichten die Spielerinnen eine relativierte Maximalkraft von 2,08 N/kg bezogen auf ihr Körpergewicht. (Hinweis: Newton [N] ist die physikalische Einheit für Kraft; der Wert N/kg zeigt somit, wie viel Newton an Kraft die Athletin pro Kilogramm ihres eigenen Körpergewichts aufbringen kann). Zum Vergleich: Beim Bankdrücken lag dieser Wert bei 0,46 N/kg und beim Rudern bei 0,96 N/kg.
  3. 33,20 cm Sprunghöhe im Countermovement Jump (CMJ): Beim Sprung aus der Ausholbewegung (CMJ) erreichten die Athletinnen eine mediane Sprunghöhe von 33,20 cm (IQR : 6,70 cm). IQR steht für Interquartile Range (deutsch: Interquartilsabstand). Er ist ein statistisches Maß für die Streuung von Messwerten und gibt die Spanne an, in der die mittleren  aller Daten liegen (zwischen dem – und -Perzentil). Er zeigt somit, wie stark die Werte um den Median streuen, ohne von einzelnen Ausreißern verzerrt zu werden. Beim Squat Jump (SQJ) ohne Ausholbewegung lag der Wert bei 30,40 cm.
  4. 3460,79 Watt absolute Peak Power im CMJ: Die absolut entwickelte Leistung beim Countermovement Jump belief sich im Median auf 3460,79 W (relativ: 44,67 W/kg).

Die Ergebnisse: Was macht das Athletikprofil der Profis aus?

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass moderne Beachvolleyballerinnen keineswegs nur reine Ausdauersportlerinnen im Sand sind, sondern hochgradig austrainierte Athletinnen. Die vertikalen Sprungleistungen spiegeln die spezifischen Anforderungen des Sports wider, da Sprünge sowohl in der Abwehr als auch im Angriff die zentralen Leistungstreiber darstellen. Die Wissenschaftler:innen halten dazu fest:

„Vertical jumps are considered essential in volleyball and used in defensive and offensive motions.“(Medeiros et al., 2022, S. 449).

(Vertikalsprünge werden im Volleyball als essenziell angesehen und sowohl bei defensiven als auch bei offensiven Aktionen eingesetzt).

Besonders interessant ist das Zusammenspiel aus Unterkörper- und Oberkörperkraft. Während die Beinkraft (2,08 N/kg) das Fundament für explosive Antritte und Sprünge im Sand bildet, stellt die Zug- und Druckkraft des Oberkörpers (Rudern mit 0,96 N/kg und Bankdrücken mit 0,46 N/kg) die stabile Basis für harte Angriffsschläge und Verletzungsprävention im Schulterbereich dar.

Darüber hinaus gehen die Autor:innen auf die Besonderheiten des Untergrunds ein und vergleichen die Sprunganpassungen durch Sand- und Hallentraining. Hierbei spielt neben SQJ und CMJ eine dritte Testform eine Rolle – der Drop Jump (DJ), bei dem man sich von einem Kasten auf den Boden fallen lässt und sofort maximal hoch abspringt, um die Reaktivkraft zu messen:

„The plyometric training on sand increased more countermovement jump peak force, and one-repetition maximum in leg press than plyometric training on a rigid surface.“ (Medeiros et al., 2022, S. 447).

(Plyometrisches Training auf Sand steigerte die Maximalkraft beim Countermovement Jump und das Ein-Wiederholungs-Maximum an der Beinpresse stärker als plyometrisches Training auf einem starren Untergrund).

Der nachgiebige Sand dämpft zwar die Reaktivkraft (weshalb Drop Jumps auf festem Boden besser trainiert werden), erzwingt aber beim CMJ eine deutlich höhere neuronale Ansteuerung und Muskelaktivierung der Beinstrecker und Fußstabilisatoren.

Was bedeuten diese Ergebnisse für Freizeitvolleyballer:innen?

Auch wenn Hobby- und Amateursportler:innen meist nicht über die Trainingsumfänge von Nationalspielerinnen verfügen, lassen sich aus dieser Fallstudie extrem wertvolle Erkenntnisse für das eigene Training im Amateurbereich gewinnen:

  • Realistische Benchmarks statt Mythen: Oft wird die Bedeutung rein dekorativer Fitnesswerte überschätzt. Die Studie zeigt: Selbst im internationalen Spitzenfeld liegt der Körperfettanteil von Athletinnen teils bei über 20%, solange die fettfreie Muskelmasse (58,4 kg) und die damit verbundene Leistungsfähigkeit stimmen. Leistungsfähigkeit geht vor Optik!
  • Verhältnis von Ober- zu Unterkörperkraft: Viele Freizeitvolleyballer:innen vernachlässigen das Krafttraining im Fitnessstudio oder konzentrieren sich rein auf die Beine. Die Daten zeigen klar: Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kniebeuge, Oberkörper-Zugkraft (Rudern) und Druckkraft (Bankdrücken) ist der Schlüssel für eine belastbare Schulter und stabile Schlagebenen.
  • Gezielte Plyometrie nutzen: Das Training auf Sand ist ein hervorragender Kraftverstärker für Beine und Rumpf. Wer im Sommer intensiv im Sand trainiert, entwickelt eine stärkere Beinstreckerkraft (messbar im CMJ), die sich auch in der Hallensaison positiv auf die Sprunghöhe auswirkt.

Praktische Empfehlungen für Spieler:innen & Trainer:innen

Für die Trainingspraxis im Verein oder im individuellen Wochenplan empfehlen die Studienautor:innen, Leistungstestings nicht als einmaliges Event, sondern als fortlaufendes Monitoring-Werkzeug zu nutzen. Ihr zentraler Appell lautet:

„Coaches should test their athletes and compare the results with themselves and with other representative beach volleyball samples.“ (Medeiros et al., 2022, S. 450).

(Trainer:innen sollten ihre Athlet:innen testen und die Ergebnisse sowohl mit den eigenen früheren Werten der Athlet:innen als auch mit repräsentativen Stichproben aus dem Beachvolleyball vergleichen).

Konkrete Tipps für euer Athletiktraining:

  1. Die eigene Nulllinie bestimmen: Messt regelmäßig eure Sprunghöhe im CMJ und SQJ (z. B. per Sprungmatte oder App) und eure Grundkraft in den Hauptübungen (Kniebeuge, Rudern, Bankdrücken). Der wichtigste Vergleich ist der mit eurem eigenen früheren Leistungsstand!
  2. Fokus auf die Relativkraft: Setzt das gehobene Gewicht oder die Sprungleistung immer in Relation zu eurem Körpergewicht. Ziel sollte es sein, die Kraft pro Kilogramm Körpermasse zu steigern (N/kg).
  3. Kombination aus Sand- und Kraftraumtraining: Nutzt die Sommermonate für plyometrische Übungen im Sand, um die Fuß- und Sprunggelenksstabilität zu schulen, und ergänzt dies durch gezieltes Langhanteltraining im Kraftraum.
  4. Schultergesundheit sichern: Integriert vorgebeugtes Rudern und Übungen für die Rotatorenmanschette in eure Routine, um das Gleichgewicht zwischen der Brust- und Rückenmuskulatur zu wahren und Überlastungsschäden vorzubeugen.

Quellenangabe

Medeiros, A. I. A., de Jesus, K., Neto, F. O., Palermo, L. & da Silva, G. M. (2022). The road to 2024 Olympic gold medal: A case report of three elite beach volleyball players. In Proceedings of the 40th International Society of Biomechanics in Sports Conference (S. 447–450). Liverpool: ISBS.