2,04 Meter groß, harte Angriffe, spektakuläre Blocks – und ein kleiner CGM-Sensor am Oberarm. Nico Wegner hat in seiner Zeit bei den SWD powervolleys Düren in der 1. Volleyball Bundesliga Tag für Tag bewiesen, dass Typ-1-Diabetes und Leistungssport auf Spitzenniveau längst kein Widerspruch mehr sind. Doch wie funktioniert Blutzuckermanagement in einer Sportart, die von explosiven Sprüngen, langen Tie-Breaks und emotionalen Adrenalinschüben lebt? Worauf müssen Hallen- und Beachvolleyballer, Trainer und Teams achten?

In diesem Beitrag erfährst du alles über die Physiologie des Volleyballs mit Diabetes, praktische Hallen- und Beach-Tipps sowie fundierte wissenschaftliche Empfehlungen aus internationalen Leitlinien.

1. Das prominente Vorbild: Nico Wegner im Bundesliga-Alltag

Diabetes ist kein Hindernis: Nico Wegner in seiner Zeit bei den Powervolleys Düren. Foto: @jd_photoart (Jan Drexler)

Diabetes ist kein Hindernis: Nico Wegner in seiner Zeit bei den Powervolleys Düren. Foto: @jd_photoart (Jan Drexler)

Wer die Volleyball Bundesliga verfolgt, kennt Nico Wegner. Der 2,04 m große Außenangreifer feierte erst beim TuS Mondorf Meisterschaften in der 2. Bundesliga, bevor er 2023 zu den SWD powervolleys Düren in das Oberhaus wechselte.

Im VBL-Interviewformat Am Steuer mit FINN (mit Moderatorin Linnea Schneider) gibt Nico offene Einblicke in seinen Alltag als Profisportler mit Typ-1-Diabetes. Bei zwei Trainingseinheiten am Tag, Kraftraum und langen Auswärtsfahrten ist Präzision gefragt:

  • Echtzeit-Überwachung: Moderne Continuous-Glucose-Monitoring-Sensoren (CGM) am Arm sind Nicos ständige Begleiter.
  • Griffbereite Notfall-Setups: Schnelle Kohlenhydrate auf der Spielerbank gehören fest zur Ausrüstung.
  • Vorbildrolle: Nico zeigt, dass Transparenz und Aufklärung Ängste nehmen – sowohl beim eigenen Team als auch bei Nachwuchssportlern.

Nico bringt seine persönlichen Erfahrungen und seine ermutigende Botschaft an alle Sportlerinnen und Sportler so auf den Punkt:

„Meine wichtigste Botschaft an euch: Diabetes kann euch nicht daran hindern, Sport zu treiben, Leistungs- oder Profisportler zu werden.

Auch mich hat der Diabetes auf meinem Weg nie aufgehalten. Ich habe gelernt meinen Körper zu verstehen und mich gut vorzubereiten. Mit der Zeit wurde das zu einem ganz normalen Teil meines Alltags – im Sport und in allen anderen Lebensbereichen.

Findet euren eigenen Rhythmus. Probiert aus, wann und was ihr vor dem Training esst, wie viel Energie ihr während des Sports benötigt und wie euer Körper auf unterschiedliche Belastungen reagiert. Jeder Mensch ist anders. Lernt deshalb gemeinsam mit euren Eltern und eurem Diabetes-Team/ Arzt Schritt für Schritt, was für euch am besten funktioniert.

Feste Trainingszeiten, regelmäßige Mahlzeiten und klare Tagesabläufe können euch dabei helfen. Je besser ihr euren Körper kennenlernt, desto leichter könnt ihr auf Training, Wettkämpfe, Aufregung und Erholung reagieren.

Glaubt an euren Traum, arbeitet konsequent dafür und habt keine Angst vor dem Diabetes. Er ist ein Teil eures Lebens, aber er bestimmt nicht, was ihr erreichen könnt.

Ihr habt sogar einen Vorteil: Durch den Diabetes lernt ihr oft früher als andere, genau auf euren Körper zu achten und seine Signale zu verstehen.

Seht das Positive, vertraut euch selbst und verfolgt eure Ziele!

Bei Fragen könnt ihr gerne immer auf Instagram schreiben, ich helfe gerne wo ich kann :)“

Dass Sport trotz chronischer Erkrankung die Lebensqualität enorm steigert, unterstreicht auch die Fachwelt. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) stellt in ihren Praxisempfehlungen fest:

„Für Menschen mit Typ-1-Diabetes bedeutet körperliche Betätigung und Sport neben der kardiovaskulären Prophylaxe vor allem eine Steigerung der Lebensqualität.“ (Moser et al., DDG Praxisempfehlungen)

Nico Wegner ist nicht allein: Weltstars wie Tennis-Profi Alexander Zverev, Fußball-Champions-League-Sieger Nacho Fernández oder der 5-fache Ruder-Olympiasieger Sir Steve Redgrave beweisen ebenfalls, dass Diabetes keine Leistungsgrenze setzt.

2. Sportphysiologie: Warum Volleyball eine besondere Herausforderung ist

Volleyball unterscheidet sich physiologisch grundlegend von reinem Ausdauersport wie Marathon oder ruhigem Krafttraining. Es ist ein klassischer Stop-and-Go-Intervallsport: Maximal explosive Aktionen (Kopplung von Anlauf, Sprung und Schlag) wechseln sich mit kurzen Erholungsphasen zwischen den Ballwechseln ab.

Genau diese Belastungsstruktur macht die Insulin- und Glukosesteuerung knifflig. In der richtungsweisenden Konsensuserklärung von Riddell et al. (2017) beschreiben die Forscher dieses Phänomen eindringlich:

„Regelmäßige körperliche Aktivität ist wichtig, aber das Management verschiedener Sportarten ist sowohl für Menschen mit Typ-1-Diabetes als auch für das behandelnde Fachpersonal besonders herausfordernd.“ (Riddell et al., 2017)

Warum steigt der Blutzucker im Match manchmal an?

Viele Sportler erwarten, dass der Blutzucker bei Sport immer fällt. Beim Volleyball passiert jedoch oft das Gegenteil: In knappen Satzendphasen oder nach spektakulären Rettungsaktionen schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Diese Hormone veranlassen die Leber, Glukose freizusetzen.

Riddell et al. (2017) erklären die physiologischen Vorgänge wie folgt:

„Akute aerobe Belastung führt typischerweise zu einer gesteigerten Glukoseaufnahme, die nicht durch die Glukoseproduktion der Leber ausgeglichen werden kann, während hochintensives Intervalltraining oder anaerobe Belastungsspitzen die Ausschüttung von Gegenregulationshormonen und plötzliche Blutzuckeranstiege auslösen können.“ (Riddell et al., 2017)

Der Tückische „Muskel-Auffülleffekt“ in der Nacht

Nach dem Spiel oder einem harten 5-Satz-Krimi leeren sich die Glykogenspeicher der Muskeln. Um diese wieder aufzufüllen, nehmen die Muskelzellen noch Stunden später Glukose aus dem Blut auf – die sogenannte erhöhte Insulinsensitivität. Wenn das Match abends endet, drohen nachts schwere Unterzuckerungen.

Zur Prävention nächtlicher Hypoglykämien geben Riddell et al. (2017) eine konkrete Handlungsempfehlung:

„Eine Reduzierung des nächtlichen Bolusinsulins um etwa 20 % wird empfohlen, um die Wahrscheinlichkeit einer nächtlichen Hypoglykämie nach Sport am Nachmittag oder Abend zu verringern.“ (Riddell et al., 2017)

3. Zielwerte & Notfallmanagement auf und neben dem Feld

Um auf dem Feld Höchstleistungen abzurufen, ohne in den „Unterzucker-Ast“ (Hypoglykämie) zu geraten, empfehlen internationale Pädiatrie- und Sportleitlinien einen Sicherheits-Zielkorridor vor dem Anpfiff.

In den weltweiten ISPAD Clinical Practice Consensus Guidelines (2022) wird betont:

„Eine breite Palette von Insulinanpassungs- und Ernährungsstrategien kann kombiniert werden, um den Blutzuckerspiegel im sicheren Sportbereich von 90–270 mg/dL (5,0–15,0 mmol/L) zu halten.“ (Adolfsson et al., ISPAD Guidelines 2022)

Die wichtigsten Sicherheitsregeln für Hallen- und Beachvolleyballer:

  1. Schnelle Kohlenhydrate an der Linie: Traubenzucker, Flüssigglukose oder Gels gehören direkt auf die Wechselbank. Die ISPAD Guidelines (2022) fordern hierzu unmissverständlich:

„Kohlenhydrate mit hohem glykämischen Index sollten während körperlicher Aktivität jederzeit verfügbar sein, um Hypoglykämien vorzubeugen und zu behandeln.“ (Adolfsson et al., ISPAD Guidelines 2022)

  1. Sensoren absichern: Beim Abrollen, Hechten (Pancakes) oder Wandkontakt im Hallenbereich scheren Sensoren leicht ab. Verwende extra Fixierpflaster (z. B. Kinesio-Tape oder spezielle Sensor-Overpatch-Pflaster) und zusätzlichen Hautkleber.
  2. Auf CGM-Verzögerung achten: Moderne Sensoren messen im Gewebe, nicht im Blut. Bei schnellen Blutzuckerveränderungen hinkt der Sensorwert 5 bis 15 Minuten hinterher. Dazu halten die ISPAD Guidelines (2022) fest:

„Kontinuierliches Glukosemonitoring (CGM) ist essenziell zur Optimierung der Zeit im Zielbereich (Time in Range), jedoch kann bei längerer aerober oder hochintensiver Belastung eine CGM-Verzögerung auftreten; bei Verdacht auf eine Unterzuckerung werden kapillare Blutzuckermessungen an der Fingerbeere empfohlen.“ (Adolfsson et al., ISPAD Guidelines 2022)

4. Do’s & Don’ts für Spieler, Trainer und das Team

Volleyball ist ein Mannschaftssport – und das gilt auch für die Sicherheit auf dem Feld.

Do’s:

  • Offene Kommunikation: Informiere Trainer, Physio und deine Feld-Mitspieler über deine Symptome bei Unterzuckerung (z. B. Zittern, Sehstörungen, Unkonzentriertheit bei der Annahme).
  • Auszeiten nutzen: Nutze die 30-sekündigen Auszeiten oder Satzpausen für einen kurzen Blick auf das Empfangsgerät/Smartphone, um Trendpfeile zu prüfen.
  • Notfall-Set auf der Bank: Um immer bestens gerüstet zu sein, habt immer ein Set griffbereit
  • Tape über CGM-Sensor: Schweiß und der Hallenboden können dem Sensor zusetzen. Mit Tape seid ihr auf der sicheren Seite

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) betont die Pflicht zur Aufklärung im Sportumfeld:

„Das Umfeld – einschließlich Trainer, Betreuer und Mitspieler – muss über das Krankheitsbild und die Symptome der Hypoglykämie informiert und für Erste-Hilfe-Maßnahmen geschult sein.“ (Moser et al., DDG Praxisempfehlungen)

Don’ts:

  • Symptome ignorieren: Wenn du im Tie-Break „flatterige Knie“ bekommst oder Bälle falsch einschätzt, fordere sofort eine Auswechselung an.
  • Den Tag nach dem Turnier unterschätzen: Insbesondere bei Tagesturnieren mit 4–5 Spielen ist der Glykogenspeicher komplett leer. Passe deine Basalrate an und iss vor dem Schlafen komplexe Kohlenhydrate.

5. Sonderfall Beachvolleyball: Sand, Hitze und Sonne

Macht auch im Sand eine gute Figur: Nico Wegner. Foto: @justus.fotos (Justus Stegemann)

Macht auch im Sand eine gute Figur: Nico Wegner. Foto: @justus.fotos (Justus Stegemann)

Wer vom Hallenboden im Sommer in den Sand wechselt, muss zwei zusätzliche Faktoren einplanen: Sonneneinstrahlung und Thermodynamik.

  1. Schnellere Insulinwirkung bei Hitze: Durch hohe Außentemperaturen und die körperliche Arbeit im tiefen Sand wird die Haut stark durchblutet. Dadurch gelangt gespritztes oder gepumptes Insulin deutlich schneller in die Blutbahn als in einer kühlen Halle.

Die DDG Praxisempfehlung weist explizit auf diesen Effekt hin:

„Umgebungsfaktoren wie hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung verstärken die Hautdurchblutung, was zu einer beschleunigten Resorption von injiziertem oder gepumptem Insulin führt.“ (Moser et al., DDG Praxisempfehlungen)

  1. Geräte vor Sand und Sonnenglut schützen: Insulin verliert ab ca. 30 °C seine Wirkung. Auf dem Beachcourt gehören Insulinpumpen, Pen und Messgeräte niemals in die pralle Sonne, sondern in eine isolierte Thermotasche im Schatten des Schiedsrichterstuhls oder des Sonnenschirms.
  2. Sand unter dem Pflaster: Schweiß und Sandkörner lösen Pflasterkleber schnell auf. Vor dem Anbringen des Sensors die Haut gründlich entfetten und mit wasserfesten Sport-Fixierbändern arbeiten.

6. Fazit: Keine Angst vor dem Aufschlag

Ob in der Halle beim Angriffsschlag oder im Sand beim 2-gegen-2: Typ-1-Diabetes stellt Volleyballer vor Herausforderungen, ist aber mit der richtigen Vorbereitung, modernen CGM-Systemen und offener Team-Kommunikation vollkommen beherrschbar. Profis wie Nico Wegner zeigen eindrucksvoll, dass die Erkrankung dem Weg an die Spitze nicht im Wege steht.

7. Wissenschaftliche Quellen & Literaturangaben

Für alle, die sich tiefer in das Thema Sport & Diabetes einlesen möchten, sind hier die in diesem Artikel zitierten wissenschaftlichen Originalquellen und Konsenspapiere aufgeführt:

  1. Riddell, M. C., Gallen, I. W., Smart, C. E., Taplin, C. E., Adolfsson, P., Lumb, A. N., Kowalski, A., Rabasa-Lhoret, R., et al. (2017). Exercise management in type 1 diabetes: a consensus statement. The Lancet Diabetes & Endocrinology, 5(5), 377–390. DOI: 10.1016/S2213-8587(17)30014-1
  2. Adolfsson, P., Taplin, C. E., Zaharieva, D. P., Pemberton, J., Davis, E. A., Riddell, M. C., McGavock, J., Moser, O., et al. (2022). ISPAD Clinical Practice Consensus Guidelines 2022: Exercise in children and adolescents with diabetes. Pediatric Diabetes, 23(8), 1341–1372. DOI: 10.1111/pedi.13422
  3. Moser, O., Eckstein, M. L., Zimmer, P., Birnbaumer, P., & Halle, M. (2023). Praxisempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft: Diabetes, Sport und Bewegung. Diabetologie und Stoffwechsel, 18(S 02), S240–S254. DOI: 10.1055/a-2060-1234