„Niemals aufgeben!“ – diesen Satz haben wir alle schon tausendmal gehört. Er ist das Mantra im (Beach-)Volleyball. Aber was, wenn genau diese Einstellung uns daran hindert, die richtige Taktik zu wählen? Eine brandneue Studie hat untersucht, wie deutsche Nationalspieler:innen Spielstände einschätzen und dabei Erstaunliches zu Tage gefördert.

Die Studie im Überblick

Unter dem Titel “How cognitive biases affect winning probability perception in beach volleyball experts” haben die Wissenschaftler:innen Sandra Ittlinger (Deutsche Sporthochschule Köln), Steffen Lang (Technische Universität München), Antonia Schubert (Eberhard Karls Universität Tübingen) und Markus Raab (Deutsche Sporthochschule Köln) untersucht, wie Profis ihre Siegchancen bei bestimmten Spielständen wahrnehmen.

Dafür wurden 43 Mitglieder des deutschen Nationalkaders (Spieler:innen und Coaches) befragt. Ihre Einschätzungen wurden mit den harten Fakten aus einem Datensatz von 6.571 realen internationalen Top-Matches abgeglichen.

5 zentrale Kennzahlen der Studie

Um die Dimensionen zu verstehen, hier die wichtigsten Zahlen aus der Untersuchung:

  1. 6.571 Spiele: Die Basis für die Berechnung der „echten“ Gewinnwahrscheinlichkeiten (Empirical SWP (Set-Winning Probabilities)).
  2. 6 bis 10 von 100: Nur so viele Sätze werden im Profibereich noch gewonnen, wenn man mit 4 Punkten hinten liegt – die Teilnehmer:innen schätzten ihre Chance aber viel höher ein.
  3. 20% Grenze: Fällt die Gewinnwahrscheinlichkeit unter diesen Wert (oft bei 3+ Punkten Rückstand), reagieren viele Spieler:innen taktisch zu spät.
  4. 15% der Spieler:innen & 36% der Coaches: Gaben an, bei hohem Rückstand keine spezifische neue Strategie anzuwenden – obwohl die Statistik sagt, dass das „normale“ Spiel fast sicher zur Niederlage führt.
  5. 22% Overestimation: Bei Rückständen wie 16:19 überschätzen Profis ihre Chance massiv, während sie bei Führung tendenziell zu pessimistisch sind.

Die „Niemals Aufgeben“-Falle: Was die Wissenschaft sagt

Die Forscher:innen fanden heraus, dass wir zwei großen Denkfehlern (Biases) unterliegen: dem Optimismus-Bias und dem Bestätigungsfehler (Confirmation Bias).

Schon früher haben wir hier bei Volleyballfreak über die „Hot Hand“ im Beachvolleyball berichtet – also den Glauben, dass ein:e Spieler:in nach einem Punkt wahrscheinlicher erneut punktet. Die aktuelle Studie von Ittlinger et al. zeigt nun das Gegenstück bei Spielständen: Wir glauben an das Comeback, auch wenn es statistisch extrem unwahrscheinlich ist.

„Results revealed that participants significantly overestimated SWPs [Set-Winning Probabilities] when trailing and underestimated them when leading.“

Das bedeutet: Wenn wir hinten liegen, glauben wir fest daran, dass „noch alles drin ist“. Das klingt heroisch, führt aber dazu, dass wir den Ernst der Lage verkennen.

„Confirmation bias had a dual role: in trailing scenarios, it amplified overestimation, causing players to underestimate their disadvantage…“

Wir erinnern uns lebhaft an das eine Mal vor drei Jahren, als wir einen 12:18 Rückstand noch gedreht haben. Unser Gehirn sagt: „Das passiert heute wieder!“ Die Statistik sagt: „In 94% der Fälle verlierst du das Ding, wenn du jetzt nicht sofort etwas drastisch änderst.“

Relevanz für Volleyballer:innen jeglichen Niveaus

Wenn's mal eng wird - dann spielt einfach mal "anders"... Foto: Volleyballfreak

Wenn’s mal eng wird – dann spielt einfach mal “anders”… Foto: Volleyballfreak

Warum ist das für dich beim A-Turnier oder im Freizeit-Mixed wichtig?

Weil dein Gehirn genauso funktioniert wie das von Sandra Ittlinger oder Clemens Wickler. Wenn du bei 17:20 im Kopf noch denkst „das schaukeln wir schon“, spielst du wahrscheinlich konservativ weiter (Sideout sicher nach Hause bringen). Aber die Studie zeigt: Konservativ zu bleiben ist bei Rückstand oft der sichere Tod.

Umgekehrt neigen wir bei Führung zur Vorsicht. Wir schätzen unsere Siegchance geringer ein, als sie ist, werden nervös und spielen „Angst-Volleyball“.

„Players were more likely to recall situations reinforcing the belief that ‘We (can still) win’.“

Grundsätze für dein Training

Aus den Ergebnissen lassen sich klare Prinzipien ableiten, um deine „Situational Awareness“ zu verbessern:

  1. Taktische Trigger definieren: Warte nicht auf dein Bauchgefühl. Lege vor dem Spiel fest: „Wenn wir mit 3 Punkten hinten liegen, erhöhen wir das Risiko im Aufschlag drastisch.“ Laut Studie ist das Risiko oft die einzige statistische Chance.
  2. Objektivität durch Daten: Schau dir im Training Spielstände an. Wie oft gewinnt ihr im Trainingssatz noch, wenn ihr 16:20 hinten liegt? Das schärft den Blick für die Realität.
  3. Time-Out Management: Coaches müssen wissen, dass Spieler:innen ihre Lage oft zu rosig sehen. Ein Time-Out muss bei Rückstand die „Dringlichkeit“ betonen, nicht nur beruhigen.
  4. Risiko-Management bei Führung: Wenn ihr führt, sagt euch die Statistik: Ihr seid fast durch! Spielt mutig weiter, statt in den „Verwaltungs-Modus“ zu schalten.
  5. Psycho-Edukation: Redet im Team über diese Denkfehler. Wer weiß, dass sein Gehirn zum Optimismus neigt, kann in der Crunchtime bewusster gegensteuern.

„Understanding the severity of a trailing situation can help trigger necessary tactical adjustments.“

Fazit

Siegchancen sind Kopfsache – aber der Kopf lügt oft. Die Studie beweist, dass wir bei Rückstand oft zu spät ins Risiko gehen, weil wir unsere Lage falsch einschätzen.

„In conclusion, for trailing scenarios, our analysis showed that optimism and the confirmation bias significantly influenced players’ SWP overestimations.“

Dein neues Motto für den Court: Bleib optimistisch im Herzen, aber sei ein Realist im Kopf!

Quelle

Ittlinger, S., Lang, S., Schubert, A. & Raab, M. (2025). How cognitive biases affect winning probability perception in beach volleyball experts. Scientific Reports, 15, 32408.

Link zum Artikel (Paywall): https://www.nature.com/articles/s41598-025-17770-z