Volleyball gehört zu den technisch anspruchsvollsten Mannschaftssportarten – und genau darin liegt im Schulsport oft das Problem. Viele Erwachsene erinnern sich an schmerzhafte Unterarme, kurze Ballwechsel und Frustration. Das CEV School Project Teachers Handbook möchte zeigen, dass es auch anders geht: kindgerecht, spielerisch und mit viel Freude an Bewegung. Dieser Beitrag fasst die Kerngedanken des Handbuchs sowie des Strategie-Plans 2024-2028 zusammen

Grundidee des CEV School Projects

Das zentrale Leitmotiv des Handbuchs lautet: Nicht Technik perfektionieren, sondern das Spiel verstehen. Volleyball soll von Anfang an als Spiel erlebt werden – mit langen Ballwechseln, Kooperation und Erfolgserlebnissen für alle Kinder.

Dafür werden die Regeln, das Material und die Spielformen konsequent angepasst:

  • leichte, weiche Bälle
  • kleine Spielfelder
  • reduzierte Spieler:innenzahlen (1:1, 2:2)
  • Werfen, Fangen und später erst Spielen des Balls

Volleyball wird so zu einem bewegungsreichen, sicheren und inklusiven Sport, der sich für gemischte Gruppen und unterschiedliche Leistungsniveaus eignet.

Die Vision: Volleyball als erste Wahl in der Schule

Volleyball soll zur bevorzugten Sportart in Schulen werden, bei der jedes Kind Freude am Spiel findet. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um ein ganzheitliches Erlebnis, das Gesundheit, Lernen und Freundschaft priorisiert.

Grundwerte des Projekts

Die Arbeit der CEV basiert auf fünf zentralen Werten:

  • Zusammenhalt (Togetherness): Teamarbeit zwischen allen Beteiligten.
  • Verantwortung (Responsibility): Fokus auf das Wohlergehen der Gesellschaft.
  • Exzellenz (Excellence): Streben nach höchster Qualität und Innovation.
  • Integrität (Integrity): Ehrliche und ethische Entscheidungsprozesse.
  • Inklusivität (Inclusiveness): Chancengleichheit und Kampf gegen Diskriminierung.

Was bisher erreicht wurde (Status Quo)

Kategorie

Stand 2024/2025

Wachstum (zu 2023/24)

Gesamtteilnehmende

585.367

+ 85 %

Teilnehmende Kinder

142.926

+ 82 %

Lehrkräfte & Coaches

6.322

+ 25 %

Grundschulen

3.161

+ 51 %

Volleyball-Vereine

524

+ 20 %

Strategische Ziele 2024–2028

Um die Wirkung des Projekts zu vergrößern, wurden fünf strategische Hauptziele definiert:

  1. Spaß und Wachstum der Kinder: Erhöhung der Teilnehmerzahlen um 20 % und Ausweitung auf 40 Nationalverbände bis 2028.
  2. Kapazitätsaufbau für Lehrkräfte: Veröffentlichung eines neuen Curriculums (Handbuch + Videos) bis Juni 2024 sowie jährliche Coaches-Conventions.
  3. Community-Wachstum: Integration von Kindern mit Behinderungen oder aus benachteiligten Verhältnissen.
  4. Verbandsentwicklung: Unterstützung durch Material. Geplant ist die Verteilung von 40.000 Bällen und 7.000 Markierungsbändern.
  5. Frauenförderung: Ziel ist eine Geschlechterparität (50 % Frauen) bei Webinaren und der Coaches-Convention.

Allgemeine Erfolgsfaktoren für Volleyballstunden (8–12 Jahre)

1. Der richtige Ball

Der Ball ist der wichtigste methodische Hebel. Leichte Bälle fliegen langsamer, tun nicht weh und verlängern Ballwechsel. Das Handbuch empfiehlt explizit sehr weiche Trainingsbälle, Softbälle oder sogar Luftballons in Stoffhüllen.

Merksatz: Je schwieriger die Aufgabe, desto einfacher der Ball.

So wird Differenzierung innerhalb einer Gruppe möglich – ohne zusätzliche Regeln.

2. Kleine Spielformen statt großer Teams

Je weniger Spieler:innen auf dem Feld stehen, desto mehr Ballkontakte hat jedes Kind. Das Handbuch empfiehlt:

  • 1:1 oder 1+1 zum Einstieg
  • 2:2 als zentrale Spielform

Gerade im 2:2 lernen Kinder Verantwortung, Kommunikation und taktisches Zusammenspiel – Grundpfeiler des Volleyballs.

3. Netz, Feld und Regeln anpassen

  • niedrige oder flexible Netze (Bänder, Seile)
  • kleine Felder für längere Ballwechsel
  • Regeln gemeinsam mit den Kindern festlegen

Wichtig ist dabei ein Perspektivwechsel:

  • Miteinander spielen: möglichst viele Ballkontakte
  • Gegeneinander spielen: Ball ins gegnerische Feld bringen

Methodischer Aufbau: Vom Werfen zum Volleyballspiel

Das Handbuch gliedert den Lernprozess in viele kleine Schritte. Technik wird nicht isoliert geübt, sondern entsteht aus Spielsituationen.

Die „Get-Ready Position“ (Lucky-Luke-Position)

Fast alle Übungen basieren auf einer gemeinsamen Grundhaltung:

  • Knie leicht gebeugt
  • Gewicht vorne
  • Arme locker vor dem Körper

Diese Position ermöglicht schnelles Reagieren und bildet die Basis für Zuspiel, Abwehr und Bewegung.

Exemplarische Übungen für 8–9-Jährige

1. Champion on the Ball (Grundform)

Ziel: Ballgefühl, Orientierung, Selbstvertrauen

  • Jedes Kind hat einen Ball
  • Ball hochwerfen und fangen
  • Variationen: Klatschen, Drehen, Hinsetzen, Springen

Didaktischer Mehrwert:

  • viele Wiederholungen
  • hoher Spaßfaktor
  • ideal als Wettbewerb (z. B. 10 fehlerfreie Wiederholungen)

2. Ball über die Schnur (1+1)

Ziel: Spielidee Volleyball verstehen

  • Zwei Kinder stehen sich gegenüber
  • Ball wird über ein Band geworfen
  • Ziel: möglichst viele Netzüberquerungen

Variationen:

  • Werfen
  • Fangen und Werfen
  • erstes Zuspielen über Kopf

Diese Spielform ist der didaktische Kern des Konzepts.

3. Ball über die Schnur (2+2)

Ziel: Zusammenspiel und Kommunikation

Regeln:

  • maximal drei Ballkontakte
  • abwechselnd spielen
  • nicht mit Ball laufen

Zusatzregeln wie der sogenannte „Wassergraben“ (Zone nahe am Netz ist „out“) fördern hohe Zuspiele und bessere Ballannahme.

Kommunikation wird aktiv eingefordert:

  • „Ich“ – erster Kontakt
  • „Hier“ – Zuspielposition
  • „Lurking“ – Bereitschaft zur Abwehr

Exemplarische Übungen für 10–12-Jährige

Ab diesem Alter rücken Technikbausteine stärker in den Vordergrund – immer noch spielerisch.

1. Zuspiel-Grundlagen (Pritschen)

  • Ball aufnehmen, Handstellung kontrollieren (Dreieck)
  • Ball hochwerfen und über Kopf fangen
  • fließend zum kontinuierlichen Zuspiel übergehen

Steigerungen:

  • mehrere Zuspiele hintereinander
  • Zuspiel gegen die Wand
  • Zuspiel nach Bewegung

2. Partner- und Zielübungen

  • Zuspiel zum Partner
  • Zuspiel auf markierte Wandziele
  • Reaktionsübungen (Umdrehen, Anlaufen, Zuspielen)

Wichtig: Qualität vor Kraft – weich, hoch, kontrolliert.

3. Unteres Zuspiel (Baggern)

Auch hier wird methodisch vorgegangen:

  • Armhaltung ohne Ball
  • Ball fallen lassen und mit Unterarmen spielen
  • Kombination aus Werfen – Baggern – Fangen

Der Fokus liegt klar auf Bewegung zum Ball, nicht auf Kraft.

Spielformen als zentrales Lerninstrument

Besonders gelungen ist der konsequente Einsatz von Spielformen wie:

  • Emperor Court (Auf- und Absteigen)
  • kurze Spiele mit Handicap-System
  • gemeinsame Klassenziele („Wie viele Ballwechsel schaffen wir?“)

Diese Formate sorgen für:

  • automatische Leistungsdifferenzierung
  • hohe Motivation
  • viele Wiederholungen ohne Drill

Was könnte verbessert werden?

Trotz der vielen Stärken gibt es auch Punkte, die kritisch betrachtet werden können:

  • Sehr umfangreich: Für Lehrkräfte ohne Volleyball-Vorerfahrung ist das Handbuch stellenweise unübersichtlich.
  • Wenig Visualisierung: Mehr Grafiken oder Videos (sind in der pipe) würden den Zugang erleichtern.
  • Zeitbedarf: Die Vielzahl an Übungen erfordert gute Planung für den Schulalltag.
  • Übergang zum „echten“ Volleyball: Der Sprung von 2:2 zu 6:6 wird nur am Rand thematisiert.

Fazit

Das CEV School Project Teachers Handbook liefert einen praxisnahen Leitfaden für modernen Volleyballunterricht. Es zeigt, dass Volleyball kein Frustsport sein muss, sondern ein kooperatives, dynamisches und motivierendes Spiel, wenn Regeln, Material und Methodik kindgerecht angepasst werden.

Für Trainer:innen im Nachwuchsbereich und Lehrkräfte im Schulsport ist dieses Konzept eine tolle Inspiration – und auch für Vereinstrainer:innen lohnt sich der Blick über den Tellerrand.

Quelle

  • Confédération Européenne de Volleyball (CEV): CEV School Project – Teachers Handbook. Autoren: Dr. Yesim Bulca (Hacettepe University, Ankara) & Dr. Jimmy Czimek (German Sport University Cologne), 2019.