Kanada hat sich in den vergangenen Jahren im Volleyball-Bereich extrem stark entwickelt. Ob in der Halle – wo sich das Frauennationalteam von Weltranglistenplatz 18/19 im Jahr 2016 auf aktuell Platz 8 vorgearbeitet hat – oder im Beachvolleyball mit WM-Gold, Olympia-Silber und zeitweise Platz 1 der Weltrangliste: Die Kanadier:innen gehören konstant zur internationalen Spitze.

Für mich als hauptberuflicher Trainer beim Thüringer Volleyball-Verband (TVV) war das Grund genug, einmal genauer hinzusehen: Was machen die Kanadier:innen im Nachwuchsbereich anders – oder auch besser?

Im April 2026 packte ich gemeinsam mit einem:r Trainerkollegen Thomas die Koffer. Ziel: Vancouver. Über den lokalen Club Thunder und das College-Team der UBC Thunderbirds bekamen wir die einmalige Chance, in Trainingseinheiten zu hospitieren, an Turnieren teilzunehmen und uns tiefgehend mit den Macher:innen vor Ort auszutauschen.

Das Problem in der U12: Dominanz des Aufschlags statt Spielfluss

Im intensiven Austausch mit Doug Reimer, dem legendären Headcoach des UBC-College-Teams, erfuhren wir zum ersten Mal vom kanadischen Spielsystem in der U12: dem sogenannten Three-Ball-System.

Doug erklärte uns das Dilemma, das den kanadischen Verband damals zur Einführung dieses Systems bewog: Der Aufschlag war in der U12 einfach viel zu dominant. Viele Ballwechsel endeten nach dem ersten oder zweiten Kontakt. Zu berücksichtigen ist, dass die Kanadier bereits in der U12 im 6:6 spielen. Dennoch ist das Problem auch in Deutschland hinlänglich bekannt:

  • Die Annahme misslingt oder der Ball fliegt direkt zurück übers Netz.
  • Ein kontrollierter Spielaufbau (Annahme, Zuspiel, gezielter Angriff) findet fast nie statt.
  • Die Kinder haben wenig echte Ballkontakte und noch weniger Erfolgserlebnisse.

Die kanadische Lösung war genial einfach: Nicht den Aufschlag verbieten oder einschränken, sondern das Spiel gezielt um Elemente ergänzen, die den Spielfluss erzwingen.

So funktioniert “TripleBall” (3-Ball-System)

Schema von TripleBall. Grafik: (C) TVV 

Schema von TripleBall. Grafik: (C) TVV 

Damit das Prinzip sofort klar wird, hier der Ablauf eines Durchgangs beim TripleBall. Jedes Team spielt mit einem festen Kader, und es wird wie gewohnt 2-gegen-2 (oder 3-gegen-3) agiert. Die Besonderheit liegt im Ablauf:

  1. Ball 1 (Der Aufschlag): Ein ganz normaler Aufschlag wird ausgeführt. Der Ballwechsel wird normal zu Ende gespielt. Das Team, das den Punkt macht, bekommt einen Punkt auf der Anzeigetafel.
  2. Ball 2 (Dankeball für Team A): Direkt nach dem Ende des ersten Ballwechsels wirft die/der Trainer:in (oder ein:e Helfer:in) von Team A einen leichten Ball (Dankeball) zu Team A ein. Team A baut das Spiel auf und greift an. Der Ballwechsel wird ausgespielt. Wer den Punkt macht, bekommt einen Punkt.
  3. Ball 3 (Dankeball für Team B): Direkt im Anschluss wird ein dritter Ball von die/der Trainer:in (oder ein:e Helfer:in) von Team B als Dankeball zu Team B eingeworfen. Auch dieser Ballwechsel wird ausgespielt. Wer den Punkt macht, bekommt einen Punkt.

Das bedeutet: Pro Aufschlagsequenz werden immer genau drei Ballwechsel gespielt und bis zu drei Punkte vergeben. Erst danach wechselt das Aufschlagsrecht (Rotation) nach den gewohnten Regeln.

Da der Name „3-Ball-System“ uns ein wenig zu sperrig klang, haben wir im gemeinsamen Austausch den (wie wir finden) passenden Namen gefunden: „TripleBall“

Live-Eindruck in Vancouver: Ein echtes Aha-Erlebnis

Das Prinzip klingt in der Theorie logisch – aber funktioniert das auch im heißen Wettkampf? Am letzten Tag unserer Reise hatten wir das Glück, die Regionals (das Qualifikationsturnier für die kanadischen Nationals) der U12 und U13 live vor Ort zu erleben.

Und mein Eindruck war schlichtweg überwältigend!

Trotz des Aufschlags entstanden durch die zwei zusätzlichen Dankebälle fantastische, lange Ballwechsel. Weil die eingeworfenen Bälle kontrollierbar waren, konnten die Kids das tun, was Volleyball eigentlich ausmacht: sauber annehmen, präzise zuspielen und mutig angreifen. Die Kinder rannten, hechteten, lachten und erlebten echten Teamsport auf einem spielerisch erstaunlich hohen Niveau.

Genau das ist es doch, was wir in der U12 wollen: Die Kids sollen spielen, aktiv sein, Erfolgserlebnisse sammeln und sich in coole Ballwechsel verlieben.

„Das Spiel bleibt echtes Volleyball – aber die Kinder bekommen endlich die Chance, es auch wirklich zu spielen.“

Der Weg nach Deutschland: Das thüringische Pilotprojekt

Zurück in Deutschland habe ich sofort das Gespräch mit Trainerkolleg:innen gesucht. Die Reaktionen waren durchweg euphorisch: „Das müssen wir hier auch unbedingt ausprobieren!“ Warum eigentlich nicht? Wenn das System in Kanada die Basis für den späteren internationalen Erfolg legt, sollten wir in Deutschland nicht zögern, denselben Mut zu beweisen.

Ich habe das Konzept in unseren Jugendausschuss beim TVV eingebracht. Da dieser Ausschuss extrem modern, offen und vereinsübergreifend besetzt ist, stieß die Idee sofort auf offene Ohren. Wir waren uns schnell einig: Wir wollen nicht nur darüber reden, wir wollen es tun!

Der Fahrplan für unser Pilotprojekt:

TripleBall Fahrtplan. Grafik: (C) TVV

TripleBall Fahrtplan. Grafik: (C) TVV

In der kommenden Hallensaison werden wir im TVV ein Pilotprojekt in der U12 starten:

  • Die ersten beiden Spieltage der Saison werden komplett im TripleBall-System ausgetragen.
  • So garantieren wir allen Kids einen extrem spiel- und lernintensiven Saisonstart mit massenhaft Ballkontakten.
  • Ab dem dritten Spieltag und in Richtung Landesmeisterschaft wechseln wir wieder zurück in das klassische U12-System.

Nach dem Projekt setzen wir uns zusammen und werten ganz sachlich aus: Was lief super? Wo müssen wir nachjustieren? Wie haben Kinder, Eltern und Trainer:innen das System aufgenommen?

Für mich ist diese Mischform der perfekte Kompromiss. Wir probieren mutig etwas Neues aus, ohne direkt das gesamte System über den Haufen zu werfen. Es ist kein Bruch mit der Tradition, sondern ein moderner Impuls für einen noch kindgerechteren Volleyballsport.

Was denkst Du?

Hast du TripleBall schon mal im Training ausprobiert oder sogar im Ausland im Spielbetrieb gesehen? Glaubst du, dass dieses System auch deinen Spieler:innen helfen würde, schneller spielfähig zu werden? Lass uns in den Kommentaren darüber diskutieren!

Über den Autor

Marius Stucke Foto: (C) TVV

Marius Stucke Foto: (C) TVV

Marius Stucke ist hauptberuflicher Volleyballtrainer und im Besitz der A-Trainerlizenz. Aktuell arbeitet er als Landestrainer beim Thüringer Volleyball-Verband (TVV). Zuvor sammelte er wertvolle Erfahrungen als Verbandstrainer beim Nordbadischen Volleyball-Verband.Marius hat in Heidelberg Sportwissenschaft studiert. Da er selbst bereits in acht verschiedenen Sportarten als Spieler oder Trainer aktiv war, blickt er gerne über den Tellerrand hinaus und lässt innovative Impulse aus anderen Sportdisziplinen in seine Volleyballkonzepte einfließen. Sein Motto: „Die langfristige Entwicklung ist wichtiger als der kurzfristige Erfolg.“