Wir alle haben diese Situationen auf dem Feld schon unzählige Male erlebt: Der gegnerische Aufschlag flattert unberechenbar ins Eck, die Annahme wackelt, der Gegenangriff sitzt und plötzlich gelingen dem gegnerischen Team zwei, drei spektakuläre Ballwechsel hintereinander. Die gegnerische Bank tobt, die Halle kocht und im eigenen Team macht sich Nervosität breit. Das sogenannte psychologische Momentum rollt wie eine Welle über das Spielfeld.

In solchen Phasen formen Trainer:innen weltweit fast reflexartig mit den Händen das klassische „T“ für Auszeit (Timeout). Die Erwartungshaltung ist klar: Die gegnerische Serie brechen, dem eigenen Team eine Verschnaufpause verschaffen und mit dem nächsten Ballwechsel den ersehnten Punktgewinn bei gegnerischem Aufschlag erzielen.

Doch handelt es sich hierbei um ein reines Bauchgefühl oder lässt sich die Wirksamkeit taktischer Auszeiten wissenschaftlich untermauern? Genau dieser Frage widmete sich ein Forschungsteam um Ho Phi Huynh und Joel Gohvon der School of Medicine and Psychology der Australian National University (Australien), William Condon von der Lindenwood University (USA) sowie Kristin Layous vom Department of Psychology der California State University, East Bay (USA). In ihrer umfassenden empirischen Untersuchung gingen sie der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen Auszeiten das gegnerische Momentum im Volleyball tatsächlich brechen können.

Das Experiment: Über 2500 Auszeiten im Elite-Volleyball analysiert

Auszeiten als Mittel zum Erfolg. Foto: Peter Zylajew

Auszeiten als Mittel zum Erfolg. Foto: Peter Zylajew

Um belastbare Daten zu erhalten, analysierten die Sportwissenschaftler:innen das offizielle Play-by-Play-Material einer kompletten Spielzeit der renommierten Big 10 Conference in der US-amerikanischen College-Liga NCAA Division I Women’s Volleyball – einer der spielstärksten Frauen-Ligen weltweit.

Insgesamt flossen 2.522 regelkonforme Auszeiten aus 234 Meisterschaftsspielen in die Analyse ein. Um zu prüfen, ob eine Auszeit wirklich einen Vorteil bringt, stellten die Forscher:innen diesen Situationen eine Kontrollgruppe von 3.867 regulären Ballwechseln („Typical Play“) ohne vorherige Auszeit aus 25 zufällig ausgewählten Spielen gegenüber.

Dabei berücksichtigten die Autor:innen die spezifische Struktur des modernen Volleyballs: Im Rallye-Point-System kann ausschließlich das aufschlagende Team eine Serie aufeinanderfolgender Punkte (Scoring Run) aufbauen. Das annehmende Team befindet sich stets in der Rolle, diesen Lauf durch einen erfolgreichen Sideout unverzüglich zu beenden. Die Wissenschaftler:innen halten diesen taktischen Automatismus fest:

„Obwohl sie beiden Teams zur Verfügung stehen, werden Auszeiten fast ausschließlich – in 99,72% der Fälle in unserem Datensatz – von dem Team genommen, das versucht, einen Sideout zu erzielen.“

(Huynh et al., 2025, S. 1070)

Die 4 wichtigsten Zahlen aus der Studie

Wer Taktikentscheidungen mit harten Fakten belegen möchte, findet in der Arbeit von Huynh et al. vier zentrale Kennzahlen:

  1. 58,64% Sideout-Quote nach einer Auszeit: Nach einem Timeout erzielte das annehmende Team in 58,64% der Fälle direkt den Punkt. Diese Quote unterscheidet sich statistisch nicht von der Quote im normalen Spielverlauf (58,08%).
  2. 79% aller Auszeiten werden früh genommen: Trainer:innen reagieren im Spitzenbereich erstaunlich sensibel: 79% aller Timeouts werden bereits genommen, wenn der Gegner lediglich 1 bis 3 Punkte in Folge erzielt hat.
  3. 59,9% vs. 54,1% Erfolgsquote bei gegnerischen Serien: Wurde die Auszeit früh bei einer kurzen Serie (1 bis 3 Gegenpunkte) genommen, lag die Sideout-Quote danach bei starken 59,9%. Warteten die Trainer:innen hingegen ab, bis der Gegner 4 oder mehr Punkte in Folge markierte, sank die Erfolgsquote nach der Auszeit drastisch auf 54,1% (p < 0,001).
  4. 61,0% Erfolg bei knappem Spielstand: Befand sich das Spiel in einer engen Phase (Punktedifferenz von 0bis 3 Punkten), führte die Auszeit in 61,0% der Fälle zum direkten Sideout. Lag das Team bereits mit mehr als 3 Punkten hinten, betrug die Quote lediglich 56,3% (p = 0,001).

Die Ergebnisse: Der Mythos vom Wundermittel widerlegt – aber die Auszeit stabilisiert

Die erste zentrale Erkenntnis der Studie überrascht zunächst: Eine Auszeit katapultiert ein Team nicht automatisch in positive Leistungsbereiche. Das Forschungsteam widerlegte die Hypothese, dass die Sideout-Quote nach einer Pause deutlich über das normale Niveau steigen würde.

Dennoch bewerten die Autor:innen die Auszeit als hocheffektiv – nämlich als verlässlichen psychologischen Schutzmechanismus:

„Die Daten zeigten, dass sich die Rate erfolgreicher Sideouts nach einer Auszeit nicht von der Rate des normalen Spiels unterscheidet […]. Daher kann es als Erfolg gewertet werden, wenn Teams auf ihr normales Leistungsniveau zurückkehren können. Das heißt, Auszeiten können als wirksam angesehen werden, um die Teamleistung zu stabilisieren und zurückzusetzen.“

(Huynh et al., 2025, S. 1072)

Die Auszeit fungiert somit als klassischer Reset-Knopf: Sie verhindert, dass sich Verunsicherung festsetzt, und bringt das Team exakt auf seine gewohnte Basisleistung zurück.

Timing ist entscheidend: Prävention statt späte Schadensbegrenzung

Auszeit: Unterbrich früh die generische Serie. Foto: Peter Zylajew

Auszeit: Unterbrich früh die generische Serie. Foto: Peter Zylajew

Der eigentliche Hebel für Trainer:innen liegt im richtigen Zeitpunkt. Die Daten belegen eindeutig, dass eine Auszeit vor allem dann funktioniert, wenn das gegnerische Momentum noch gar nicht voll entfacht ist:

„Die Belege für die Wirksamkeit von Auszeiten zur Eindämmung des psychologischen Momentums sind in Situationen, die sich auf Punkteserien und Punktdifferenzen beziehen, deutlich stärker.“

(Huynh et al., 2025, S. 1072)

Wer als Trainerin oder Trainer darauf wartet, dass der Gegner vier oder fünf Punkte in Folge macht, vergibt seinen taktischen Vorteil. Die Wissenschaftler:innen betonen:

„Die Ergebnisse zu den spezifischen Szenarien, in denen Auszeiten am effektivsten sind, deuten auch darauf hin, dass Auszeiten möglicherweise effektiver darin sind, den Aufbau von psychologischem Momentum beim Gegner zu verhindern, als es zu stoppen, nachdem es bereits begonnen hat.“

(Huynh et al., 2025, S. 1073)

Zusätzlich zeigt sich die Schutzwirkung vor allem bei engen Spielständen:

„Die Ergebnisse der Studie stützen im Allgemeinen den Einsatz von Auszeiten zur Eindämmung des psychologischen Momentums. Auszeiten scheinen in der Lage zu sein, Teams auf ihr Ausgangsniveau zurückzusetzen, helfen ihnen jedoch im Allgemeinen nicht, das typische Leistungsniveau zu überschreiten.“

(Huynh et al., 2025, S. 1074)

Was bedeuten diese Ergebnisse für Freizeitvolleyballer:innen und Trainer:innen?

Ob in der Kreisliga, Bezirksklasse oder im ambitionierten Hobbysport: Die psychologischen Mechanismen bei einer Aufschlagserie des Gegners sind exakt dieselben wie im College-Spitzensport. Was können Spieler:innen und Trainer:innen im Amateurbereich aus diesen Erkenntnissen mitnehmen?

  1. Die Auszeit nicht für den Satzschluss aufsparen: Viele Amateur-Coaches zögern bei einem 6:9 oder 12:15, die erste Auszeit zu nehmen, weil sie sich die Unterbrechungen für die Crunchtime ab Punkt 20 aufheben möchten. Die Daten zeigen das Gegenteil: Wer frühzeitig bei 2 bis 3 gegnerischen Punkten in Folge drückt, hält den Satz offen. Läuft der Gegner erst einmal auf 5 oder 6 Punkte davon, verpufft das Timeout fast wirkungslos.
  2. Den Reset-Effekt aktiv gestalten: Da die Auszeit die Normalleistung wiederherstellt, sollten Trainer:innen die 30 Sekunden nicht mit Frust oder Vorwürfen verschwenden. Die Pause dient der Regulierung des Erregungsniveaus: Tief durchatmen, Hektik rausnehmen, Blickkontakt herstellen und auf den nächsten Spielzug fokussieren.
  3. Einfache taktische Aufgaben statt Theorievortrag: Überfordert euer Team in der Auszeit nicht mit komplexen Systemumstellungen. Ein klares Annahmeziel oder eine konkrete Angriffsvorgabe („High Hands am Block suchen“, „diagonaler Angriff über Position 4 über den kleinen Blockspieler“) genügt, um die Handlungssicherheit zurückzugewinnen.
  4. Auszeiten ohne Trainer:in nutzen: In Freizeitmannschaften ohne feste Trainer:innen auf der Bank sollte die Kapitänin oder der Kapitän diese Rolle übernehmen. Zögert nicht, das Timeout aktiv einzufordern, sobald der Spielfluss abreißt oder die Eigenfehler zunehmen.

Fazit

Die Auszeit ist im Volleyball kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ein mächtiges strategisches Werkzeug zur Leistungsstabilisierung. Wer den Mut hat, frühzeitig zu intervenieren und den Reset-Knopf zu drücken, nimmt dem Gegner den Wind aus den Segeln und wahrt die Chance auf den Satzgewinn.

Quellenangabe

Huynh, H. P., Goh, J., Condon, W. & Layous, K. (2025). Timeouts and psychological momentum in volleyball. Journal of Human Sport and Exercise, 20 (3), 1068–1075. https://doi.org/10.55860/0tnkh516