Hast du dich beim Anschauen von spektakulären World-Tour-Highlights oder Bundesliga-Matches auch schon mal gefragt, wie die Profis es schaffen, immer genau am richtigen Ort zu stehen? Oder wie Nationaltrainer:innen die winzigsten Schwachstellen der Gegner:innen im Bruchteil einer Sekunde analysieren? Die Antwort lautet immer häufiger: Künstliche Intelligenz.
Was vor wenigen Jahren noch wie ferne Science-Fiction klang, ist längst im sportwissenschaftlichen Alltag angekommen. In einem wegweisenden Artikel für die Fachzeitschrift LEISTUNGSSPORT (Ausgabe 02/2026) hat das Autor:innen-Team um Fabian Tobias (Bundestrainer Wissenschaft beim DVV und Promotionsstudent an der TU München) und Max Vater(wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München) die aktuellen Möglichkeiten und die Zukunft von KI im (Beach-)Volleyball systematisch durchleuchtet.
Wir nehmen diesen spannenden Einblick für dich auf und zeigen dir, dass “Computer Vision”, “Machine Learning” und Co. keine Elite-Spielzeuge sein müssen. Auch du kannst die KI-Revolution für dein eigenes Training nutzen!
Der digitale Co-Trainer: Automatische Spielanalyse per Mausklick
Wer schon einmal versucht hat, ein Volleyballspiel händisch zu “scouten”, weiß, was das für eine brutale Arbeit ist. Jeden Ballkontakt mitschreiben, Richtungen eintragen, Spieler:innen zuordnen – nach einem Satz raucht der Kopf. Im Profibereich übernehmen das immer häufiger hochentwickelte KI-Systeme über sogenannte Computer Vision. Das bedeutet: Eine KI “schaut” sich das Videobild an und versteht, was dort passiert.
Ein echter Pionier auf diesem Gebiet ist das Tool balltime, das im Frühjahr 2025 vom Weltmarktführer Hudl übernommen wurde. Fabian Tobias und Max Vater beschreiben die Erleichterungen für Spielanalyst:innen wie folgt:
„Die Software detektiert Ballkontakte, ordnet sie den beteiligten [Athlet:innen] sowie den jeweiligen Spielelementen (Aufschlag, Annahme, Zuspiel, Angriff, Block, Abwehr) zu und erzeugt darüber hinaus Kennwerte zur Handlungsqualität.“
Nach dem Upload deines Spielvideos schneidet die KI das Material innerhalb von etwa 30 Minuten so zusammen, dass alle unnötigen Pausen (wie Satzpausen oder Time-outs) herausgefiltert sind. Übrig bleiben die reinen Ballwechsel. Noch genialer: Du kannst dir per Klick alle Angriffe deiner Außenangreifer:innen anzeigen lassen oder die Flugbahnen der Pässe visualisieren.
Achtung bei den nackten Zahlen!
Der DVV testet aktuell auch Systeme wie VolleyStation Next, bei dem eine KI-Voranalysen liefert, die von Trainer:innen nur noch verfeinert werden müssen. Aber die Wissenschaftler warnen vor blindem Vertrauen in die Technik. Bei einer Untersuchung des DVV wurden die KI-berechneten Aufschlaggeschwindigkeiten mit einem hochpräzisen Radarsystem verglichen:
„Hier zeigten sich Abweichungen von bis zu ± 7-14 Stundenkilometer – ein Unterschied, der bei Aufschlaggeschwindigkeiten um 120 Stundenkilometer im Spitzenvolleyball der Männer sportpraktisch durchaus ins Gewicht fällt.“
Der Volleyballfreak-Tipp für Amateur:innen: Du musst keine Nationalspieler:innen sein, um balltime oder ähnliche Tools zu testen. Die Software bietet oft kostenlose Testversionen an. Schnapp dir ein Stativ, stelle dein Smartphone stabil und hoch hinter das Spielfeld (die Kameraposition ist extrem wichtig!) und filme einen Satz im Training oder Ligaspiel. Lade das Video hoch und schau dir an, aus welchen Positionen dein Team die meisten Punkte macht. Das ist Augenöffnung garantiert – ganz ohne stundenlanges manuelles Schneiden!
Fit wie die Profis: Smarte Krafttrainingsplanung
Nicht nur auf dem Feld, auch im Kraftraum zieht die KI ein. Der DVV nutzt an seinen Bundesstützpunkten die App AthleteSync, an deren Entwicklung der ehemalige National-Libero Ivan Batanov beteiligt war. Hier generiert ein integriertes Large Language Model (LLM – ähnlich wie ChatGPT) maßgeschneiderte Krafttrainingspläne für die Sportler:innen.
Das Spannende daran: Die KI ist nicht der Chef, sondern die Assistenz. Sie übernimmt die lästige Schreibarbeit und Datenverwaltung:
„Der [Athletiktrainer:in] vor Ort wird im administrativen Bereich deutlich entlastet, wodurch mehr Ressourcen für die qualitativ hochwertige, unmittelbare Arbeit am und mit den [Athlet:innen] auf der Trainingsfläche freiwerden. [KI] übernimmt hierbei vorrangig generierende und aggregierende Aufgaben; die finale Bewertung, Priorisierung und Modifikation verbleibt in der Zuständigkeit [der verantwortlichen Trainer:innen].“
Über die App tracken die Spieler:innen ihre gehobenen Gewichte und ihr subjektives Belastungsempfinden (RPE-Wert). Gekoppelt mit Wearables (wie Smartwatches oder Fitnessbändern) entsteht ein präzises Bild über Belastung und Erholung.
Der Volleyballfreak-Tipp für Amateur:innen: Nutze ChatGPT, Gemini oder Claude als deine persönliche Athletik-Assistenz! Du kannst ein kostenloses Sprachmodell mit folgendem Prompt füttern:
„Ich bin ein:e Amateur-Volleyballer:in auf Bezirksklassen-Niveau und möchte meine Sprungkraft und Rumpfstabilität verbessern. Ich kann zweimal pro Woche für 45 Minuten ins Fitnessstudio gehen. Erstelle mir einen strukturierten, verletzungspräventiven Trainingsplan mit Fokus auf explosive Kraftentwicklung.“ Lass dir die Übungen erklären und passe den Plan an dein Feedback an. Dokumentiere deine Fortschritte einfach in einer Notizen-App.
Talente finden und Trainer:innen ausbilden: Die Mathematik des Erfolgs
Ein besonders faszinierender Aspekt ist der Einsatz von Machine Learning in der Talentdiagnostik. Zusammen mit der Universität Konstanz hat der DVV ein Modell entwickelt, das auf Basis von über zehn Jahren Daten die finale Körperhöhe und Reichhöhe von Nachwuchsathlet:innen prognostizieren kann. Dafür werden Körpersegmente wie Kniehöhe, Sitzhöhe und Armspannweite gemessen. Das hilft den Bundestrainer:innen bei Sichtungen enorm, um das langfristige Potenzial einzuschätzen.
Auch in der Trainer:innen-Ausbildung könnte KI bald als “Super-Bibliothek” dienen. Über sogenannte RAG-Systeme (Retrieval-Augmented Generation) wird ein geschlossenes KI-Modell mit der offiziellen DVV-Lehrliteratur gefüttert. Angehende Trainer:innen können der KI dann spezifische Fragen stellen (z.B. „Welche Übungen eignen sich für das Antizipationstraining im Jugendbereich?“) oder Prüfungen simulieren.
Zukunftsmusik: Mit der AR-Brille gegen virtuelle Weltmeister:innen antreten
Der absolute Knaller für die Zukunft ist das virtuelle Antizipationstraining. Schon heute trainieren Nationalspieler:innen mit Tools wie BeachAnticipation am Bildschirm: Sie sehen ein gegnerisches Angriffsvideo, das kurz vor dem Ballkontakt stoppt, und müssen blitzschnell entscheiden, ob ein harter “Smash” oder ein gefühlvoller “Shot” in eine bestimmte Ecke folgt.
In Zukunft soll das über Augmented Reality (AR) direkt auf den echten Sandplatz geholt werden. Über Computer-Vision-Daten der Gegner:innen werden lebensechte 3D-Avatare erstellt. Ein Nationalspieler wie Clemens Wickler könnte dann in Hamburg im Sand stehen, eine AR-Brille aufsetzen und in Echtzeit 60 Angriffe des schwedischen Olympiasiegers und Weltmeisters David Åhman abwehren, die ihm virtuell, aber biomechanisch völlig korrekt, zugespielt werden.
Aber egal wie gut die Technik wird, eines wird sie nie ersetzen: den echten Schweiß, den Sand zwischen den Zehen und das Gefühl, gemeinsam als Team einen Satz zu drehen. Die Autoren betonen ganz klar:
„Volleyball und Beach-Volleyball sind hochdynamische, interaktive Sportarten, deren Kernkompetenzen […] nur im realen Spielfeldkontext erworben werden können.“
Fazit: Wie sieht unsere Volleyball-Zukunft aus?
Die künstliche Intelligenz ist kein Feind der klassischen Trainer:innen, sondern ihr mächtigstes Werkzeug. Sie nimmt uns die stupide Büroarbeit, das Videoschneiden und das Tabellen-Ausfüllen ab. Dadurch bleibt mehr Zeit für das, was wirklich zählt: Die persönliche Betreuung, die Verfeinerung der Technik und der Spaß am Spiel.
Egal ob du in der Bundesliga aufschlägst oder am Wochenende beim Hobbyturnier im Sand hechtest – die Tools sind da und sie werden immer zugänglicher. Nutze die digitalen Helfer, um dein Spiel besser zu verstehen, aber vergiss nie, dass die wichtigste Entscheidung immer noch von dir selbst auf dem Feld getroffen wird!
Wissenschaftliche Quelle:
Tobias, F. & Vater, M. (2026). KI im (Beach-)Volleyball: Aktuelle Möglichkeiten und zukünftige Perspektiven. LEISTUNGSSPORT, 56(2), S. 32–36.






