Es gibt Trainer, die bringen dir bei, wie man einen Ball über das Netz schlägt. Und dann gibt es Juri. Wer jemals unter ihm trainiert hat, weiß: Juri bringt dir nicht nur Volleyball bei – er flößt dir die DNA dieses Sports ein. Am 3. Februar 2026 feiert dieser außergewöhnliche Mann seinen 80. Geburtstag. Ein Moment, um innezuhalten und auf ein Lebenswerk zu blicken, das im deutschen (und internationalen) Volleyball seinesgleichen sucht.
Von Minsk nach Westfalen: Die Reise eines Talentschmieds
Geboren am 3. Februar 1946 in Feodosija auf der Krim, begann seine Reise mit dem Volleyball bereits im Kindesalter. Schon früh zeigte sich: Dieser Sport sollte nicht nur ein Hobby werden, sondern eine Lebensaufgabe. Sein Studium an der Sportuniversität in Minsk, Einsätze in der ersten und zweiten Liga der UdSSR und der frühe Einstieg in die Trainerarbeit legten den Grundstein für ein außergewöhnliches Lebenswerk.

Juri Kudritzki 1975 als Trainer der weißrussischen Studentenauswahl. Foto: privat
Bereits in seiner Zeit in der UdSSR formte er Weltstars. Besonders stolz ist er auf seine sieben Schützlinge, die er für die UdSSR-Auswahl vorbereitete: Alexander Sapega, Alexander Derjabin, Alexander Stepanov, Sergej Chlobistov, Ruslan Tschigrin, Igor Pilezki und Irina Jarkovenko. Sie alle lernten bei ihm, was es heißt, zur Weltspitze zu gehören.
In den 70ern führte ihn sein Weg in die DDR und schließlich Anfang der 90er zu uns nach Westfalen.
70 Jahre Leidenschaft, 60 Jahre Trainerarbeit, tausende junge Talente
Ob in Vlotho, Minden oder Paderborn – wo Juri auftauchte, entstand Erfolg. Aber nicht durch Zufall, sondern durch eine Akribie, die heute fast schon legendär ist. Juri ist der ultimative Talentschmied. Er hat die Gabe, in einem achtjährigen Kind in einer Grundschul-AG das Feuer zu sehen, das später für hunderte Länderspiele brennt.
Namen wie Eugen Bakumovski, Till Lieber, Stanislav Bakumovski oder Donata Huebert stehen stellvertretend für viele Karrieren, die ohne Juri so vielleicht nie möglich gewesen wären. Allein in Minden und Paderborn bereitete er über 40 Bundesligaspieler:innen und mehr als 30 Nationalspieler:innen für drei Länder vor.
„Ungerechtigkeit gegen meine Kinder kann ich nicht ertragen“

Der “Große” Juri Kudritzki mit seinen Kindern. Foto: privat
Juri ist ein Grandseigneur der alten Schule. Seine Philosophie ist geprägt von einer kompromisslosen Haltung zum Sport. Ein Zitat von ihm bringt sein Wesen perfekt auf den Punkt:
„Ungerechtigkeit gegen meine Kinder kann ich nicht ertragen. Angriffe auf mich selbst, bitte – aber gegen meine Kinder: Auf keinen Fall!“
Diese emotionale Bindung war es, die uns antrieb. Wir waren seine “Kinder”, und für uns gab er alles – forderte aber auch alles.
Das sagen seine ehemaligen Schützlinge
Stanislav Bakumovski erinnert sich:

Stanislav Bakumovski trainierte viele Jahre unter Kudritzki. Foto: privat
„Für mich war und ist er ein absoluter Oldschool-Volleyballfreak – mit jeder Faser seines Körpers. Heute machen sich Trainer viele Gedanken darüber, ob bei ihren Athleten das Soziale, Familiäre und Schulische im Gleichgewicht ist. Bei Juri war das anders: Ihm war wichtig, dass man pünktlich im Training steht, dort alles gibt, im Zweifel noch eine zweite Einheit dranhängt und am Wochenende erst für die Jugend, dann für die Herren 2 und vielleicht sogar noch für die Herren 1 spielt. Das soll rückblickend gar keine Kritik sein – es fällt mir heute nur besonders auf, wie kompromisslos seine Haltung zum Volleyball war. Juri hat es geschafft, Spieler auf eine sehr emotionale Art mitzunehmen, sie zu begeistern und sie aggressiv, leidenschaftlich und mit absolutem Willen spielen zu lassen. Er hat sein eigenes Leben konsequent nach dem Volleyball ausgerichtet, und ich denke, dass er das auch von seinen Spielern erwartet hat. Diese totale Hingabe hat viele von uns nachhaltig geprägt.“
Auch Donata Huebert verdankt ihm ihre Karriere:
„Wenn ich an Juri denke, denke ich sofort an die Bonbons, die er immer für uns dabei hatte. Nach dem Training hat er uns dann jeweils ein Bonbon gegeben und wenn wir es mal richtig gut gemacht haben, dann sogar zwei! Juri hat mich immer angespornt schneller zu sein, ich war ihm einfach zu langsam… 🙂 Das hat wohl gewirkt, denn ich bin eine ziemlich schnelle Libera geworden! Er hat mich bei den älteren Kindern mittrainieren lassen, oft mit Jungs. Ich glaube, er hat gemerkt, wie sehr ich Volleyball liebe und wollte mich immer weiter motivieren. Ich denke oft an ihn – wie er es geschafft hat mich anzutreiben, wie leidenschaftlich er war und wie sehr er auch zeigen konnte, dass er furchtbar stolz war. Ohne Juri hätte ich wahrscheinlich nie geglaubt, dass ich mal erfolgreich werden könnte. Ich verdanke ihm sehr viel.“
Florian Martin wurde geprägt

Florian Martin, von klein auf ein Schützling Kudritzkis. Foto: privat
Ich bin Juri sehr dankbar für sein Engagement als Trainer. Von Beginn an hat er nach jedem Fehlen beim Training angerufen und in damals gebrochenem Deutsch das Feuer für diesen wunderbaren Volleyballsport am Lodern gehalten.
Durch ihn und den Sport bin ich auch zu dem Menschen geworden, der ich bin – gesund und glücklich. Herzlichen Dank
Volleyballfreak Tobias Goerlich:
Wenn ich heute am Spielfeldrand stehe, weiß ich: Ohne Dich wäre es für mich schlicht unvorstellbar gewesen, selbst Volleyballtrainer zu werden. Diesem Job gehe ich nun schon seit vielen Jahren nach – und ich verdanke ihm unzählige schöne Momente. Den Grundstein dafür hast Du gelegt.

Volleyballfreak Tobias Goerlich verdankt Juri Kudritzki seinen weiteren Lebensweg. Foto: Susanne Galle @Susannegalle_
Du hast mir vermittelt, dass Volleyball neben all dem Spaß vor allem auch disziplinierte Arbeit bedeutet. Dazu gehört auch das von dir bis zum Erbrechen trainierte Element der Angriffssicherung, die oft vergessen wird, in Wahrheit aber unfassbar wichtig ist. Immer in Erinnerung bleiben werden mir auch die vermeintlichen Kleinigkeiten, die Du mir als jungem Spieler mitgegeben hast – wie den Rat: „Putz dir mit der schwachen Hand die Zähne, das verbessert deine Koordination.“
Wer unter Juri trainiert hat, vergisst seine Sprüche nie. Sie sind legendär und enthalten die ganze Essenz seiner Philosophie. Oft fragte er uns, wenn wir vor dem Gegner erstarrten:
„270 Gramm – wovor haben sie Angst?“
Und wenn wir mal wieder einen Ball dumm ins Aus geschlagen hatten:
„81 Quadratmeter – können sie treffen?!“
Sollte bei uns mal gar nichts mehr gegangen sein und wir die Köpfe in den Sand gesteckt haben:
„Wollen sie spielen – ja oder nein?!“
Für den Fall, dass die Gegner:innen den Ball mit dem 1. Kontakt über das Netz zurückspielen als Overpass:
„Stehen sie Schritt von Netz!“
Sein wohl berühmtester Satz, der in jeder Halle in Minden oder Paderborn widerhallte, war die ultimative Aufforderung zur Aggressivität im Angriff:
„Schlagen sie Ball bis Boden!“
Besonders geprägt hat mich sein Satz: „Als kleiner Spieler darfst du keine Fehler machen.“ Diese Akribie, dieses Streben nach technischer Perfektion, ist es, was seine Schule bis heute auszeichnet.
Und wenn die Arbeit getan war, gab es diese besonderen Momente: Wenn Du Deine Eisbonbons als Belohnung verteilt hast. Das war für uns mehr als nur eine Süßigkeit – es war ein Zeichen Deiner Anerkennung.
Juri, im Namen so vieler Spieler:innen, Trainer:innen und Volleyballbegeisterter möchte ich Dir danken. Für Deine Konsequenz. Für Deine Leidenschaft. Für Deinen unerschütterlichen Glauben an Talente. Ich wünsche Dir von Herzen Gesundheit, Lebensfreude – und dass noch viele weitere Jahre und noch viele weitere Talente ihren Weg mit Dir gehen dürfen.
Ein Erbe, das weiterlebt

Juri Kudritzki – ein Volleyball-Trainer mit Köpfchen. Foto: privat
Auch nach über 60 Jahren als Trainer ist Juri bis heute aktiv, arbeitet an einer Schule, hält Kontakt zu ehemaligen Schützlingen und bleibt eine der prägendsten Figuren der deutschen Nachwuchsarbeit. Für seine Verdienste erhielt er zu seinem 70. Geburtstag die Bronzene Ehrennadel des Westdeutschen Volleyballverbandes – eine Auszeichnung, die sein Wirken nur ansatzweise widerspiegelt.
Alles Gute zum 80. Geburtstag!





