In der Welt des Sports jagen wir einem Phantom hinterher: dem perfekten Talent. Wir sichten Zehnjährige, stecken sie in Auswahlkader, messen ihre Sprunghöhe und sortieren gnadenlos aus, wer nicht in das vordefinierte Raster passt. Doch was, wenn unser gesamtes System auf einer Fehlannahme basiert? Was, wenn wir die echten zukünftigen Weltklassespieler genau in dem Moment aussortieren, in dem wir glauben, sie zu fördern?
Aufmerksam geworden auf dieses Thema bin ich durch den hervorragenden Podcast „Das kannst du so nicht sagen“, in dem kritisch hinterfragt wird, wie wir in Deutschland mit Leistung und Talent umgehen. Hier könnt ihr die entsprechende Folge nachhören. Die dort diskutierten Thesen decken sich mit einer bahnbrechenden Studie, die das Fundament der modernen Talentförderung erschüttert.
Das Paper von Güllich et al. (2024) ist keine einfache Umfrage, sondern eine umfassende Analyse (Meta-Analysen und groß angelegte Datensätze), die den Weg von tausenden Athleten weltweit untersucht hat.
Die Methodik
Die Forscher verglichen zwei Gruppen: „World-Class“ (Weltklasse – Medaillengewinner bei Olympia oder Weltmeisterschaften) und „National-Class“ (nationale Spitze, aber ohne internationalen Medaillenerfolg).
Untersucht wurden Variablen wie:
- Das Alter beim ersten Kontakt mit der Hauptsportart.
- Der Zeitpunkt der Spezialisierung (ab wann wurde nur noch diese eine Sportart trainiert?).
- Der Umfang des „Deliberate Practice“ (gezieltes, hochkonzentriertes Training unter Anleitung).
- Das Ausmaß an multisportiver Aktivität (andere Sportarten in der Kindheit).
Das verblüffende Ergebnis
Die Studie räumt mit dem „Tiger-Woods-Modell“ auf. Während man lange glaubte, wer früher anfängt und mehr Stunden investiert, gewinnt am Ende, zeigt die Datenlage das Gegenteil: Die spätere Spezialisierung ist der statistisch sicherere Weg zur Weltklasse. Weltklasse-Athleten zeichnen sich durch eine „langsamere“ initiale Entwicklung in ihrer Hauptsportart aus, verfügen aber über ein breiteres Fundament aus anderen Sportarten.
5 Zitate, die zum Nachdenken anregen
Um die Tragweite der Studie zu verstehen, schauen wir uns fünf zentrale Aussagen an:
- „World-class athletes typically started their main sport later, specialized later, and participated in more other sports in childhood and adolescence than national-class athletes.“(Weltklasse-Athleten begannen ihre Hauptsportart typischerweise später, spezialisierten sich später und betrieben in ihrer Kindheit und Jugend mehr andere Sportarten als Athleten auf nationalem Niveau.)
- „Initial performance in youth is a poor predictor of ultimate senior success.“(Die anfängliche Leistung in der Jugend ist ein schwacher Prädiktor für den endgültigen Erfolg im Erwachsenenalter.)
- „The ‘early specialization’ pathway is associated with higher rates of burnout and dropout.“(Der Weg der frühen Spezialisierung ist mit höheren Raten an Burnout und Karriereabbrüchen verbunden.)
- „Multisport practice provides a broader base of motor skills and cognitive flexibility.“(Multisportive Praxis bietet eine breitere Basis an motorischen Fähigkeiten und kognitiver Flexibilität.)
- „Systemic selection processes often favor relative age effects rather than long-term potential.“(Systemische Selektionsprozesse bevorzugen oft relative Alterseffekte anstatt langfristiges Potenzial.)
Das norwegische Wunder: Erfolg ohne Tränen
Dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse keine graue Theorie sind, beweist ein Blick nach Norden. Norwegen, ein Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern, dominiert den Weltsport – nicht nur im Wintersport, sondern auch im Beachvolleyball (man denke an Mol/Sørum).
Ihr Geheimnis? Ein radikal anderer Ansatz. In Norwegen gibt es bis zum Alter von 13 Jahren keine offiziellen Tabellen, keine Meisterschaften und keine gnadenlose Selektion. Der Fokus liegt auf dem „Joy of Sport for All“. Kinder werden ermutigt, so viele Sportarten wie möglich auszuprobieren. Erst viel später erfolgt die Spezialisierung. Das Ergebnis ist eine extrem hohe Dichte an Weltklasse-Athleten, die mental gesund und physisch robust sind.
Wer mehr über dieses faszinierende System erfahren möchte, sollte sich diesen Beitrag der Sportschau: Norwegens Sportsystem – Das Geheimnis des Erfolgs.
Der Fall Cinja Tillmann: Durchs Raster gefallen
Während Norwegen auf Breite und späte Selektion setzt, erleben wir in Deutschland oft das Gegenteil. Ein prominentes und schmerzhaftes Beispiel aus unserer eigenen Sportart ist Cinja Tillmann.
Cinja Tillmann ist heute eine der besten Beachvolleyballerinnen der Welt (Europameisterin 2024, WM-Bronze 2022). Doch ihr Weg dorthin war kein Triumphzug der Verbandsförderung, sondern in Teilen ein Kampf gegen das System. Bei den klassischen Sichtungen des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) fiel sie regelmäßig durch das Raster. Sie entsprach nicht dem „Idealbild“ oder dem typischen Anforderungsprofil, das die Trainer im Kopf hatten.
Anstatt gefördert zu werden, musste sie sich ihren Platz an der Sonne buchstäblich erkämpfen. Es gipfelte darin, dass sie und ihre damalige Partnerin sich die Teilnahme an Turnieren sowie ihre Ranglistenpunkte teilweise vor Gericht erstreiten mussten, weil der Verband sie bei Nominierungen überging. Der Fall „Tillmann/Müller gegen DVV“ ist ein Mahnmal dafür, wie starre Strukturen und eine vermeintlich „objektive“ Sichtung echte Ausnahmetalente fast zerstören können. Tillmann beweist: Das System erkennt oft nur das aktuelle Leistungsniveau, aber nicht das zukünftige Potenzial.
Was bedeutet das für den Volleyball in Deutschland?
Wenn wir die Erkenntnisse von Güllich et al. ernst nehmen, müssen wir unser System im hinterfragen:
- Weg vom frühen Drill:Wir müssen aufhören, 12-Jährige wie Profis trainieren zu lassen. Ein Kind, das im Winter turnt und im Sommer Leichtathletik macht, wird mit 18 oft die bessere Volleyballerin sein als eine, die seit der Grundschule nur in der Halle stand.
- Kriterien überdenken:Größe und aktuelle Sprungkraft sind Momentaufnahmen. Wir brauchen Trainer, die „Game Intelligence“ und Lernfähigkeit erkennen – jene „soften“ Faktoren, die Cinja Tillmann an die Spitze gebracht haben.
- Durchlässigkeit statt Sackgassen:Wenn jemand mit 16 durch ein Raster fällt, darf das nicht das Ende der Karriere bedeuten. Wir brauchen Zweit- und Drittchancen.
Der Weg an die Weltspitze ist kein Sprint, sondern ein Marathon mit vielen Kurven. Die Wissenschaft gibt uns die Erlaubnis, den Druck aus der Jugendförderung zu nehmen. Lasst die Kinder spielen, lasst sie vielfältig sein und gebt den „Spätzündern“ eine Chance.
Empfehlungen für die Praxis
Für Trainer:innen: Den „langen Atem“ bewahren
- Vielfalt im Training: Integriert Elemente aus anderen Sportarten (Turnen für die Körperbeherrschung, Basketball für die Spielübersicht) in das Volleyballtraining.
- Späte Selektion: Sortiert Kinder nicht mit 12 Jahren aus, nur weil sie gerade körperlich kleiner oder koordinativ „patschi“ sind. Das biologische Alter weicht oft massiv vom chronologischen Alter ab.
- Prozess vor Ergebnis: Lobt die Entwicklung und den Lerneifer, nicht den Sieg beim U13-Turnier. Das Ziel ist die Bundesliga oder Nationalmannschaft mit 22, nicht der Kreismeistertitel mit 11.
Für Eltern: Gelassenheit ist die beste Förderung
- Kein Termindruck: Wenn euer Kind neben Volleyball noch Fußball spielen oder Querflöte lernen will – lasst es! Diese Vielfalt schützt vor mentalem Burnout.
- Unterstützer, nicht Co-Trainer: Seid der „Safe Space“ nach dem Spiel. Fragt nicht: „Warum hast du den Aufschlag verschlagen?“, sondern: „Hat es heute Spaß gemacht?“
- Vertrauen in die Wissenschaft: Die Angst, etwas zu „verpassen“, wenn man nicht fünfmal die Woche trainiert, ist laut Güllich unbegründet.
Die Wahrheit: Nicht jede:r wird ein Star (und das ist okay!)
Wir müssen ehrlich sein: Die Spitze der Pyramide ist extrem schmal. Von 10.000 Kindern, die im Verein anfangen, wird nicht mal eines bei den Olympischen Spielen auf dem Feld stehen. Und das ist absolut in Ordnung.
Jedes Talent ist wertvoll
Sport ist so viel mehr als die Jagd nach Goldmedaillen. Wir müssen den Wert eines Kindes im Sport von seinem messbaren Erfolg entkoppeln. Ein Jugendlicher, der „nur“ ein solider Regionalligaspieler wird, profitiert sein Leben lang von:
- Teamgeist und Sozialkompetenz.
- Resilienz (lernen, mit Niederlagen umzugehen).
- Physischer Gesundheit und lebenslanger Freude an der Bewegung.
Unser Ziel sollte nicht sein, nur das nächste Top-Talent zu finden, sondern jedem Kind zu ermöglichen, die beste Version seiner selbst zu werden – egal auf welchem Niveau.
Quelle zum Paper (hinter einer Paywall)
Arne Güllich, Michael Barth, David Z. Hambrick & Brooke N. Macnamara “Recent discoveries on the acquisition of the highest levels of human performance” www.science.org/doi/10.1126/science.adt7790






