Schulterschmerzen gehören im Volleyball leider fast schon zum Alltag. Bis zu 19% aller Überlastungsverletzungen im Hallenvolleyball betreffen das Schultergelenk – kein Wunder bei bis zu 40.000 Angriffsschlägen, die ein Profi pro Jahr absolviert. Doch liegt das reine Schmerzrisiko nur an der hohen Belastung oder womöglich an einer falsch gelernten Technik? In fast jedem klassischen Lehrbuch und in vielen Trainerausbildungen wird Nachwuchsspieler:innen gebetsmühlenartig die sogenannte „Bow-and-Arrow“-Technik (der klassische Bogenspanner) beigebracht: Der Schfschlagarm wird hochgezogen, der Ellbogen weit nach hinten-oben geführt, kurz gestoppt und dann explosiv nach vorne beschleunigt.
Dass die absolute Weltklasse diesen Bewegungsablauf in der Praxis jedoch längst überholt hat, belegt eine faszinierende sportwissenschaftliche Untersuchung. Ein Forschungsteam um Prof. Dr. George Giatsis von der Aristoteles-Universität Thessaloniki (Griechenland) und Prof. Dr. Markus Tilp vom Institut für Bewegungswissenschaft, Sport und Gesundheit der Universität Graz (Österreich) hat die Schlagtechniken der weltbesten Hallenvolleyballer:innen über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten unter die Lupe genommen.
Das Experiment: 37 Jahre Olympia-Geschichte im Schlag-Check
Ziel der beiden Forscher war es, herauszufinden, welche spezifischen Armzug-Techniken in der Aushol- und Ladephase (Cocking Phase) des Angriffschlags auf absolutem Spitzenniveau tatsächlich verwendet werden und ob es Unterschiede zwischen Geschlechtern, Spielpositionen, Punktesystemen (Side-Out vs. Rallye-Point) oder im Vergleich zum Beachvolleyball gibt. Die Wissenschaftler betonen einleitend die Hohe Relevanz dieser Mechanik:
„Different spike attack arm swing techniques have developed which might affect performance and risk of injury.“ (Giatsis & Tilp, 2022, S. 465).
(Es haben sich unterschiedliche Schlagarmzug-Techniken beim Angriffschlag entwickelt, die sich auf die Leistung und das Verletzungsrisiko auswirken können).
Das Forschungsteam analysierte hochauflösendes Videomaterial von insgesamt 167 Olympia-Finalist:innen und Olympiasieger:innen aus zehn Olympischen Spielen von 1984 (Los Angeles) bis 2021 (Tokio). Um verfälschende Not-Situationen auszuschließen, flossen ausschließlich Angriffsschläge nach perfekten Zuspielen in die Wertung ein, bei denen die Athlet:innen unter Idealbedingungen abspringen konnten.
Die Forscher unterschieden dabei fünf grundlegende Armzug-Techniken:
- Straight: Der Arm wird gestreckt seitlich nach oben geführt.
- Bow-and-arrow high (BA-high): Der klassische Hohe Bogenspanner. Handgelenk und Ellbogen werden weit oberhalb der Schulter nach hinten gezogen.
- Bow-and-arrow low (BA-low): Der Tiefe Bogenspanner. Der Ellbogen bleibt etwa auf Schulterhöhe, während das Handgelenk hochgezogen wird.
- Snap: Eine sehr schnelle, kompakte Ausholbewegung, bei der Handgelenk und Ellbogen etwa auf Schulterhöhe nach hinten geführt werden.
- Circular (Kreisschlag): Eine kontinuierliche, kreisförmige Ausholbewegung. Der Arm wird tief am Körper vorbeigeführt und schwingt ohne Einhaltepunkt flüssig in die Peitschenbewegung nach oben durch.
Die 4 wichtigsten Zahlen aus der Studie
Die statistische Auswertung der 167 Olympia-Finalist:innen (82 Männer, 85 Frauen) liefert ein eindeutiges Ergebnis:
- 40,2% (Männer) und 38,8% (Frauen) der analysierten Olympia-Profi-Angriffe wurden mit der Circular-Technik ausgeführt. Sie ist damit mit großem Abstand die unangefochtene Nummer Eins auf Weltklasseniveau.
- 28,0% (Männer) und 23,5% (Frauen) nutzten die dynamische Snap-Technik – die zweithäufigste Ausführung im Hallenvolleyball.
- Nur 7,3% (Männer) und 11,8% (Frauen) verwendeten den im Lehrbuch propagierten Hohen Bogenspanner (BA-high).
- 0 signifikante Unterschiede: Weder zwischen den Geschlechtern, noch zwischen den Spielpositionen (Außenangriff, Diagonal, Mittelblock) oder den Epochen (Side-Out-Ära vs. Rallye-Point-System) gab es statistisch signifikante Abweichungen im Hallenvolleyball.
Die Ergebnisse: Warum die Profis das Lehrbuch ignorieren
Die Studienergebnisse decken eine deutliche Kluft zwischen Theorie und Praxis auf. Während in vielen Schulungsunterlagen noch immer der klassische Bogenspanner als “Idealtechnik” gelehrt wird, nutzt die weltweite Elite fast ausschließlich flüssigere, kreisförmige Bewegungsabfolgen. Giatsis und Tilp fassen diese Diskrepanz prägnant zusammen:
„Although most volleyball textbooks mainly describe the bow-and-arrow techniques, most of the world class indoor volleyball players used Circular and Snap arm swing techniques.“ (Giatsis & Tilp, 2022, S. 465).
(Obwohl die meisten Volleyball-Lehrbücher hauptsächlich die Bogenspanner-Techniken beschreiben, nutzten die meisten Weltklasse-Hallenvolleyballer:innen Circular- und Snap-Armzug-Techniken).
Warum schlagen die Profis also völlig anders als gelernt? Die Forscher führen dies auf unbewusste Anpassungsprozesse der Athlet:innen und Trainer:innen zurück, die im Alltag auf zwei Faktoren optimieren: maximale Ballgeschwindigkeit und Schmerzfreiheit:
„Reasons for that could be the implicit knowledge of players (and coaches) regarding performance (ball speed) and injury prevention.“ (Giatsis & Tilp, 2022, S. 465).
(Gründe dafür könnte das implizite Wissen von Spieler:innen (und Trainer:innen) hinsichtlich Leistung (Ballgeschwindigkeit) und Verletzungsprävention sein).
Im Gegensatz zum Bogenspanner, bei dem die Armbewegung an der höchsten Ausholposition kurz komplett stoppt (Full stop at final cocking position), bleibt die Hand beim Circular Arm Swing in einer ständigen, kreisenden Bewegung (Continuous arm movement). Das schont das Gelenk: Bei der Einhalt-Phase des Bogenspanners kommt es in der Schulter zu einer extremen Außenrotation und Abduktion, was das Impingement-Syndrom (Einklemmung von Sehnen und Schleimbeuteln) begünstigt. Der Circular-Armzug nutzt hingegen den Schwung der gesamten Rumpfrotation, schützt das Schulterdach und erzeugt durch die flüssige Peitschenbewegung extrem hohe Ballgeschwindigkeiten.
Ein weiteres spannendes Detail der Studie: Im Hallenvolleyball unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Technikwahl überhaupt nicht. Die Autoren stellen fest:
„There were no significant differences in arm swing techniques between sexes, playing positions, and scoring system…“ (Giatsis & Tilp, 2022, S. 465).
(Es gab keine signifikanten Unterschiede bei den Schlagarmzug-Techniken zwischen den Geschlechtern, den Spielpositionen und dem Punktesystem…).
Das ist ein deutlicher Unterschied zum Beachvolleyball! Frühere Studien von Giatsis zeigten, dass im Sand fast ausschließlich Männer die Circular-Technik nutzten, während Frauen eher zu geraden oder Snap-Techniken griffen. In der Halle hingegen ist die Bevorzugung der flüssigen Circular- und Snap-Techniken über alle Positionen und Geschlechter hinweg identisch.
Was bedeuten diese Ergebnisse für Freizeitvolleyballer:innen?
Für Hobby-Player, Amateursportler:innen und Nachwuchstrainer:innen enthalten die Erkenntnisse von Giatsis und Tilp eine enorm wichtige Botschaft: Es ist Zeit zum Umdenken!
- Keine Angst vor dem “Kreisschlag”: Viele Freizeitspieler:innen haben gelernt, dass der Arm beim Ausholen weit oben stehen bleiben muss. Wer jedoch beim Ausholen den Ellbogen und die Hand flüssig unten/seitlich am Körper vorbeiführt (Circular), nutzt den natürlichen Bewegungsfluss des Körpers. Das fühlt sich nicht nur geschmeidiger an, sondern bringt meist sofort mehr Bums hinter den Ball.
- Schulterentlastung durch Bewegung: Wenn du nach dem Training regelmäßig ein Ziehen oder Stechen in der Schlagsohle oder im vorderen Schulterbereich spürst, überprüfe deine Ausholbewegung. Ein abrupter Stopp in der hinteren Ausholposition baut im Gelenk enormen Druck auf. Die kreisende Bewegung verteilt die Kräfte viel gleichmäßiger über die Rumpf- und Rückenmuskulatur.
- Taktik und Tempo bleiben flexibel: Ob du auf der Außenposition hohe Bälle schlägst oder im Zentrum schnelle Pässe verwandelst – die Circular- und Snap-Techniken funktionieren auf allen Positionen hervorragend.
Praktische Empfehlungen für Spieler:innen & Trainer:innen
Aufgrund ihrer Ergebnisse fordern die Studienautoren eine kritische Überprüfung der bisherigen Lehrmethoden im Volleyball:
„Based on these results we suggest to critically revise arm swing technique training especially for young players and players with shoulder problems.“ (Giatsis & Tilp, 2022, S. 465).
(Aufgrund dieser Ergebnisse empfehlen wir, das Schlagarmzug-Training insbesondere für junge Spieler:innen und Spieler:innen mit Schulterproblemen kritisch zu überarbeiten).
Konkrete Tipps für eure Trainingspraxis:
- Lehrkonzepte hinterfragen: Trainer:innen sollten Nachwuchsathlet:innen nicht in das starre Korsett des klassischen Bogenspanners pressen. Wenn Kinder und Jugendliche ganz natürlich eine kreisförmige Ausholbewegung (Circular) oder einen schnellen Snap entwickeln, sollte dies gefördert und nicht als “Falschtechnik” korrigiert werden!
- Flüssige Bewegungsabläufe drillen: Baut Trockenübungen (z. B. mit Schwungseilen oder leichten Medizinbällen) in das Aufwärmen ein, bei denen der Peitscheneffekt und die Rumpfrotation ohne harten Zwischenstopp geübt werden.
- Schulter-Screening bei Schmerzen: Spieler:innen mit chronischen Schulterproblemen sollten gemeinsam mit ihren Trainer:innen oder Sport-Physiotherapeut:innen per Videoanalyse prüfen, ob sie in der Ausholphase abrupt stoppen. Eine Umstellung auf den Circular Arm Swing kann oft Wunder für die Schmerzfreiheit bewirken.
Quellenangabe
Giatsis, G. & Tilp, M. (2022). Spike arm swing techniques of Olympics male and female elite volleyball players (1984–2021). Journal of Sports Science and Medicine, 21 (3), 465–472. https://doi.org/10.52082/jssm.2022.465






